Heute habe ich mein Lieblingsbuch aus meiner Kindheit wiedergefunden. Unglaublich, wie genau ich mich noch an die Geschichten erinnern kann. An jede einzelne. Ich weiß, welche ich mochte, welche ich nie fertig gelesen habe weil ich sie nicht mochte und welche mir Papa immer vorgelesen hat.
Ich mochte die Leselöwen-Bücher wirklich. Besonders dieses. Ich habe es mal von meiner Tante zu Weihnachten bekommen und ab diesem Moment war es jahrelang mein treuester Begleiter. <3
Weil ich es so gern habe, werd ich euch jetzt mal eine meiner früheren Lieblingsgeschichten zeigen.
Unter einer Decke
“Müsst ihr immer streiten!”, ruft Mama.
“Aber wenn Roland immer schummelt!”, sagt Claudia.
“Gar nicht wahr!”, schreit Roland. “Du schummelst!”
Roland nimmt den Würfel und wirft ihn Claudia an den Kopf.
Sofort springt Claudia auf, stößt das Spielbrett um, und die Fang-den-Hut-Männchen purzeln durcheinander und fallen auf den Boden
“Du machst alles kaputt!”, schreit Roland. Er läuft aus dem Zimmer und wirft die Tür hinter sich zu.
“Blödmann!”, ruft ihm Claudia nach.
“Hört endlich auf zu streiten!”, schimpft Mama.
Claudia fängt an zu weinen. “Aber wenn Roland immer…!”
“Ruhe!”, schreit Mama. “Ich will nichts mehr hören! Geh jetzt in dein Zimmer und mach deine Hausaufgaben! Es wird höchste Zeit!”
Claudia ist sauer. Sie knallt die Tür hinter sich zu. “Alle sind so ungerecht”, denkt sie. Roland ist ein Blödmann, und Mama ist gemein. Immer hält sie zu Roland.
Claudia sitzt in ihrem Zimmer am Schreibtisch und spielt mit ihrem Federmäppchen. Zum Hausaufgabenmachen hat sie keine Lust, aber übermorgen sollte ein Diktat geschrieben werden, und im Diktat ist sie schlecht. Missmutig zieht sie ihr Heft aus der Schultasche. Da geht die Tür auf, ein Affe aus Stoff fliegt durch die Luft und knallt auf ihren Tisch.
“Gefahr aus dem Weltall”, ruft Roland. “Die fliegenden Affen greifen an!” Er schnappt sich Claudias Kuscheldelfin und schleudert ihn ebenfalls durch die Luft.
“He!”, ruft Claudia. “Bist du übergeschnappt? Lass meinen Delfi in Ruhe!”
“In Deckung!”, schreit Roland. “Killertiere im Anflug!”
“Mama!” brüllt Claudia. “Roland nervt mich schon wieder!”
Da wird es Mama endgültig zu viel. Roland muss in den Hof gehen und darf erst wieder in die Wohnung, wenn Claudia mit den Aufgaben fertig ist.
“Brüder sind so was Saublödes!”, denkt Claudia. “Viel lieber hätte ich eine Schwester oder wäre ganz allein. Und wenn der Bruder auch noch zwei Jahre älter ist, dann ist das eine Katastrophe!”
Claudia und Roland streiten ziemlich oft.
Einmal hat Roland Claudia so geärgert, dass sie ihm vor Wut ihren angebissenen Apfel ins Gesicht geworfen hat. Roland hat geschrien wie am Spieß und sich sein Auge zugehalten. Da ist Claudia furchtbar erschrocken.
Sie hatte panische Angst, dass Roland jetzt blind würde. Sie ist zu ihm hingelaufen, hat die Arme um ihn gelegt und ihm wie verrückt den Kopf gestreichelt. Dann haben sie beide geweint.
Zum Glück ist Roland nicht blind geworden. Nur ein blaues Auge hat er bekommen, und nach ein paar Tagen war alles vorbei.
Am Abend liegt Claudia im Bett und liest.
Weil sie mit ihrem Bruder in einem Zimmer schläft, liest sie unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe.
Roland kann nämlich bei Licht nicht einschlafen.
Heute hat sie ein neues Buch angefangen: “Gespenstergeschichten”. Die sind so richtig zum Gruseln und Fürchten.
Nach einer Weile traut sich Claudia nicht mehr weiterzulesen. Sie schlägt die Bettdecke zurück und knipst die Taschenlampe aus. Wie still es im Zimmer ist! und so dunkel!
Von Roland hört man keinen Ton. Ob er gestorben ist?
“Du, Roland”, flüstert Claudia.
“Was ist?”, fragt Roland. Anscheinend lebt er noch.
“Mich gruselt so!”, sagt Claudia. “Kommst du zu mir?”
“Na gut, dein Retter naht!”, brummt Roland. Er klettert aus seinem Bett und schlüpft zu Claudia unter die Decke. “Zeig mal das Buch!”, sagt er.
Heiß und stickig ist es unter der Bettdecke. Aber schön.
“Ich les dir vor”, sagt Roland, “und du leuchtest.”
Dann lesen die beiden das halbe Buch zu Ende. Es ist immer noch sehr gruselig, aber Claudia fühlt sich jetzt geborgen, weil Roland neben ihr liegt.
“Wir sind jetzt in einer Höhle!”, sagt sie zu Roland.
“Genau!”, meint Roland. “Fünfhundert Meter unter der Erde. Und nichts kann uns passieren!”
“Weil wir zusammen sind!”, sagt Claudia.
Und sie denkt, dass sie den allerliebsten Blödmannbruder hat, den es auf dieser Welt gibt.
aus “Die schönsten Leselöwen Gute-Nacht-Geschichten” © 2000 Loewe Verlag GmbH, Geschichte geschrieben von Erhard Dietl













